Unser explizites Gedächtnis befindet sich hauptsächlich in der rechten Hirnhälfte, im präfrontalen und temporalen Cortex und im Hippocampus. Hier sind Fakten und Kontext gespeichert und alles, was wir bewusst dachten, woran wir uns erinnern können und worüber wir mit emotionaler Distanz sprechen können. Es ist autobiographisch mit Zeit und Ort abgespeichert. Da der Hippocampus erst ungefähr im vierten Lebensjahr genug ausgereift ist, werden Erinnerungen ungefähr erst dann im expliziten Gedächtnis gespeichert. Natürlich gibt es dabei unter den Menschen immer Unterschiede. Auch heisst das nicht, dass alles, was wir vor dem vierten Lebensjahr erleben, nicht gespeichert wird. Es wird sehr wohl gespeichert, wir haben aber meistens keinen bewussten Zugang dazu.
Unser implizites Gedächtnis befindet sich hauptsächlich in der linken Hirnhälfte, im limbischen System mit der Amygdala, den Basalganglien und dem Kleinhirn. Hier sind die Erinnerungen ohne zeitlich-räumliche Orientierung abgespeichert und sind unbewusst. Diese Inhalte können in der Regel ohne besondere Hilfe kaum sprachlich wieder gegeben werden und zeigen sich stattdessen in unseren Emotionen und Körperreaktionen. Hier werden traumatische Erinnerungen und auch gute und schlechte Erlebnisse vor dem vierten Lebensjahr abgespeichert.
Unsere Erfahrungen gelangen über den Thalamus in unser Gehirn. Dieser leitet es zuerst an die Amygdala weiter (unsere „Antenne“), die einschätzt, ob die Erfahrung lebensbedrohlich ist oder nicht. Wenn sie glaubt, die Situation ist gefährlich, werden über den Hypothalamus Stresshormone ausgeschüttet, die als eine Art Barriere zwischen der Amygdala und dem Hippocampus funktioniert, damit wir bereit sind, uns sofort zu retten, indem wir kämpfen oder flüchten.
Das bedeutet, dass wir immer zuerst Gefühle haben, die zu einer Reaktion führen. Das Denken kommt erst später – wenn überhaupt. Das erklärt auch, warum sich traumatisierte Menschen, wenn sie getriggert werden, sehr impulsiv verhalten und/oder von Gefühlen überschwemmt werden.
Reichen Kampf oder Flucht nicht aus, erstarrt der Körper (stellt sich tot), was zu einer Dissoziation führen kann. Dieser Zustand führt seinerseits dazu, dass die Erinnerung in viele Einzelteile zerbricht und so nicht mehr ins explizite Gedächtnis abgespeichert werden kann. Die traumatisierte Person kann bei Aktivierung der fragmentierten Erinnerungsteile (durch Trigger) nicht unterscheiden, ob diese Erinnerung alt oder neu ist. Für sie ist es so, als ob die Erfahrung gerade hier und jetzt erneut gemacht wird. Ausserdem ist es so, dass die Person sich emotional in dem Alter befindet, in dem das Ereignis passierte und so auch nur auf die Ressourcen und Strategien zugreifen kann, die er oder sie in dem Alter hatte. Alles, was seither dazu gelernt wurde, kann im getriggerten Zustand nicht mehr abgerufen werden.
Die traumatische Erinnerung bleibt im fragmentierten Zustand so lange im Gehirn aktiv, bis das Trauma mit therapeutischer Hilfe integriert werden und als „alte“ Erinnerung im Langzeitgedächtnis, mitsamt Kontext und allen Fakten, abgespeichert werden kann. Das bedeutet, dass die traumatische Erinnerung von der linken Hirnhälfte zur rechten Hirnhälfte „rutschen“ muss. Dies geschieht am besten, wenn bei der begleitenden Verarbeitung der Ereignisse, beide Hirnhälften aktiviert werden, zum Beispiel durch die Narrative Expositionstherapie oder durch Methoden wie EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing), welches seinerseits auf den natürlichen REM-Schlaf (Rapid Eye Movement) basiert ist, was unser Gehirn braucht, um den Alltag im Schlaf zu verarbeiten.
Natürlich ist dies eine sehr vereinfachte Erklärung über das, was bei einem Trauma passiert, aber trotzdem ist es wichtig zu wissen, dass Trauma physiologische Folgen hat, die durch Therapie behandelt werden können. Trauma ist also behandelbar! Übrigens, die IBT-Methode (Integrative Bindungsorientierte Traumatherapie), welche auf EMDR basiert ist, funktioniert auch schon bei Babys und Kleinkindern. Eine Traumabehandlung bei Kleinkindern ist leider nach wie vor die Ausnahme, ist aber durchaus möglich. Ich berate Sie gerne zu diesem Thema.
*Mit herzlichem Dank an Katrin Boger, die im Rahmen meiner IBT-Ausbildung die Physiologie psychischer Traumatisierung gut und verständlich erklärt hat.

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