Alle reden von Bindung – warum eigentlich?

Wenn ein Baby geboren wird, ist es, im Gegensatz zu vielen tierischen Babys, vollkommen abhängig und unselbständig. Ohne Schutz würde es nicht überleben. Eigentlich wird ein menschliches Baby zu früh geboren, aber später geht rein physiologisch in Hinsicht auf die Geburt nicht.

Das Baby ist also einerseits zu 100% auf Schutz und Fürsorge angewiesen, andererseits muss es sich entwickeln, lernen, erkunden und wird so, gaaaanz langsam, auf die Selbständigkeit vorbereitet. Ein Baby kann sich aber nur entwickeln und seine Umwelt langsam erkunden, wenn es sich sicher fühlt.

Und genau für diesen Zustand gibt es die Bindung, die wie ein unsichtbares, elastisches Band das Baby mit seiner nächsten Bezugsperson verbindet. Wenn dieses Band sicher ist, durch die prompte und feinfühlige Reaktion der Bezugsperson(en) auf die Bedürfnisse des Babys, kann das Baby anfangen, seine neue Umwelt zu erkunden. Zuerst mit den Augen, dann mit den Händen und schliesslich mit dem ganzen Körper.

Sobald es dem Baby nicht mehr gut geht, weil es zum Beispiel Hunger hat, es müde ist, er sich weh gemacht hat oder sie sich in einer fremden Situation befindet, weil vielleicht fremder Besuch gekommen ist, wird das Bindungssystem des Babys aktiv und gleichzeitig wird der Erkundungsdrang passiv. Ein Baby (und später auch ein Kind) kann nur erkunden und lernen, wenn das Bindungssystem nicht aktiv ist, das heisst, wenn das Baby (oder Kind) mit seiner Bezugsperson sicher gebunden ist.

Am Anfang ist das in erster Linie die Mutter – das ist logisch, denn die Bindung zwischen den beiden wird bereits in der Schwangerschaft aufgebaut. Doch natürlich kann das Baby auch zum Vater eine sichere Bindung aufbauen. Zu den Vätern schreibe ich in einem anderen Artikel mehr. Mit der Zeit kann das Kleinkind aber natürlich auch zu anderen Personen eine Bindung aufbauen: zu den Geschwistern, den Grosseltern, Tanten, Onkeln und zu Lehrpersonen. Wichtig ist aber, dass eine Bindung nur aufgebaut wird, wenn diese anderen Personen auch als sichere, feinfühlige Bezugspersonen wahrgenommen werden und eine gewisse Regelmässigkeit da ist in der Beziehung. Wir können von einem Kleinkind nicht erwarten, dass es freudestrahlend zum Onkel geht, wenn es diesen Onkel höchstens einmal im Jahr sieht.

Wie reagiert das Kind, wenn sein Bindungssystem aktiviert wird? Typisches Bindungsverhalten ist, wenn das Baby (und auch das Kind!) weint, klammert und Körperkontakt sucht. Dadurch vermittelt das Baby, dass es die Bezugsperson braucht. Ein Baby schreit nicht, um uns zu manipulieren. Ein Baby schreit, weil sein Bindungssystem aktiv ist und es kann nichts dafür. Es hat ein grosses oder kleines Bedürfnis und zeigt das in den meisten Fällen durch weinen.

Wenn ein Baby oder kleines Kind müde, krank oder hungrig ist oder es sich verletzt hat oder sogar bedroht oder angegriffen wird und es sucht keine Hilfe, dann hat das Kind wiederholt die Erfahrung gemacht, dass es keine Hilfe erwarten kann – entweder spezifisch von der anwesenden Bezugsperson oder ganz allgemein.

Wenn ein Baby oder Kleinkind eine sichere Bindung zu mindestens einer Bezugsperson aufbauen konnte, kann es später auch lernen, sich diese Bindung und Bezugsperson innerlich vorzustellen. Am Anfang geht das noch gar nicht. Wenn Mama weg ist, weint das Baby, weil es sich alleine fühlt. Da nützt auch alle Erklärung nicht, dass Mama nur schnell aufs WC oder duschen möchte. Aus den Augen, aus dem Sinn, sozusagen. Diese innere Repräsentanz entwickelt sich erst zwischen ein und drei Jahren. Das braucht also elterliche Geduld. Das Gras wächst auch nicht schneller, wenn man daran zieht.

Dies ist auch der Grund, weshalb man allgemein sagt, dass sich das Bindungsmuster eines Kindes im Laufe der ersten zwei bis drei Jahren entwickelt. Das erste Jahr ist dabei von besonderer Bedeutung, weil das Baby komplett abhängig und unselbständig ist und in hohem Grade Schutz und Fürsorge braucht, aber auch die nächsten zwei Jahre sind entscheidend dafür, ob das Kleinkind es schafft, die sichere Bindung zu internalisieren und als sicheren Hafen zu gebrauchen, um die Welt zu erkunden.

Auf diese Weise entsteht im Kleinkind ein inneres Modell von sich, der Welt und das Leben allgemein. Das Urvertrauen entsteht: die Welt ist im Grossen und Ganzen sicher und sollte es einmal gefährlich werden, habe ich Menschen, die mir helfen, da ich geliebt bin. Das sind wichtige Erkenntnisse, die das ganze weitere Leben prägen. Denn wenn ein Baby lernt, dass die Welt kein sicherer Ort ist, dann ist es permanent im Kampf-, Flucht- oder Erstarrungsmodus. Wenn ein Baby lernt, dass es keine Menschen hat, die ihm helfen, lernt es, niemandem zu vertrauen und sich nur auf sich selbst zu verlassen – das hindert die soziale Entwicklung des Kindes. Und wenn ein Baby lernt, dass es nicht geliebt ist… dann sind die Probleme vorprogrammiert.

*Mit herzlichem Dank an Nicole Strüber und ihr Buch „Die erste Bindung“, dessen Inhalt diesen Beitrag erheblich beeinflusst hat.

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Hinter der Praxis für begleitende Traumaverarbeitung und Bindungsförderung steht Thirza Schneider. Mit Leidenschaft und Herz möchte sie Menschen in jeder Lebensphase helfen, in Freiheit zu leben.

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